Geprägt durch Tierheimhunde – Die Welt ist bunt und vielfältig

Ein schwarzer deutscher Schäferhund aus dem Tierheim mit seinem neuen Besitzer. Hundefreund in der Natur beim Wandern.

Der Begriff der „Prägung“ war es, bezugnehmend auf Konrad Lorenz, der mich zu diesem Artikel veranlasste. Prägung beim Hund, das werde ich noch in einem separaten Artikel betrachten.

Es war eine Aussage von einem Hundetrainer, den ich nicht persönlich kenne, ihn aber aufgrund seiner offenen Art auch irgendwie schätze. Diese Mischung aus Hausverstand, Praktikabilität und ebenso fundierter Erkenntnisse die er vermittelt.

Doch eine Aussage mit Verweis zum Thema Prägung hat mich eben zum Nachdenken gebracht, das könnt ihr im Artikel 👉 Prägung beim Hund – als Überlegung für Training und Zusammenleben?“ lesen.

Nun zu den Hunden aus Tierheimen und warum sie mich so geprägt haben – im positiven Sinne, wie ich meine.

„Deine Hunde haben Charakter“ – das hatte ich von mehreren Menschen gesagt bekommen, zu ihren Lebzeiten und darüber hinaus. Ein schönes Kompliment, heute fast bewegender als damals. Und nein, es war nicht sarkastisch gemeint, wie man vielleicht abschwächend sagen würde „der Hund ist ziemlich reaktiv“, wenn vielleicht gröberes Problemverhalten dahinterstecken könnte.

Rhea und Merlin, meine zwei schwarzen Schäfer-Mix aus dem Tierheim, ich hatte schon in einem anderen Beitrag von ihnen geschrieben. Einfach waren sie nicht, wenngleich ich heute vieles besser verstehe und gezielter, bei manchen eher unerwünschten Verhaltensweisen, vorgehen könnte.

Dann die „Betreuungs“ Hunde aus den Tierheimen, an ein paar erinnere ich mich noch sehr genau. Carlo, Amigo, Philip, Wasti, Aaron, Kira, Emma, Nora, Felino, Morti, Chelsey, Blue, …. Ich habe noch von vielen mehr das Gesicht im Kopf, doch ich erinnere mich nicht mehr an ihre Namen. Fantastische Charaktere, jeder für sich und es wert, sich Zeit für sie zu nehmen. Doch die persönlichen Bindungen nahmen im Laufe der Zeit ab, es war fast Routine, die sich einschlich. Verhalten beobachten, erkennen und entsprechend dem Repertoire an Gelerntem und gesammelter Erfahrung „vorgehen“.

Doch was war dieses eingeschlichene „Vorgehen“ eigentlich, was immer mehr in den Vordergrund rückte? Der Hund zieht an der Leine – soll er nicht. Der Hund zeigt Jagdverhalten – soll er nicht. Der Hund springt andere Menschen an – soll er nicht. Der Hund frisst alles vom Boden – soll er nicht. Der Hund reagiert aggressiv auf andere Hunde – soll er nicht. Und das geht natürlich ewig so weiter….

Das Hundetraining und die Hundeerziehung standen plötzlich im Vordergrund.

Und es sind genau diese Tierheimhunde, wo du nicht nach Schema-F zumeist vorgehen konntest, dich einfach nur noch wundern oft musstest. Klar, da waren natürlich auch „einfach nur neue Rassen“, die du kennenlernen durftest. Carlo zum Beispiel, ein Pit oder Amstaff Mix, keiner konnte sich so genau festlegen damals, der mich oft vor Herausforderungen gestellt hatte. Er hat mir viel gezeigt und gelehrt aber vor allem auch, dass sein Wille und sein Drang oftmals einfach stärker waren, als noch so positive Bestätigungen um ihn von dem einen oder anderen Verhalten so einfach abbringen zu können. Das war aber nicht nur Carlo, da gab es genug Beispiele anderer Rassen.

Carlo hatte mit Lob gleichermaßen viel anfangen können wie mit Futter im Sinne von „Leckerlies“, doch „Lob“ war kein „knuddeln“ wie ich es von meinen eigenen Hunden kannte und ich schreibe jetzt extra nicht „von Schäferhunden kannte“. Lob und Körperkontakt, oh ja, das konnte ihn „hochdrehen“ lassen, das hatte er Bilderbuchmäßig gezeigt. Es wird hier wohl mehr die persönliche Vergangenheit des Individuums ausschlaggebend sein als eine genetische Prädisposition, wie ich lernen durfte. Dennoch, manches fand ich, zumindest damals, als offensichtlich „typisch“ für eine Rasse. So, wie man es mir vermittelt hatte.

Da fällt mir ein neues Hundebuch gerade ein und irgendwie bin ich überzeugt, es muss ein sehr gutes und vor allem sehr praktikables Buch sein. Ich schreibe jetzt nicht den Titel, da ich die Autoren und Autorinnen persönlich kenne und mir nicht sicher bin, ob diese es so schätzen würden, an dieser Stelle mit ihren Namen erwähnt zu werden. Ich werde es mir sicher noch kaufen, fast muss ich mir die geeignete Veranstaltung suchen, um mir ein persönlich signiertes Exemplar zu ergattern. Denn all diese Menschen durfte ich zu einer für mich persönlich sehr „intensiven“, aufregenden und bewegenden Zeit kennenlernen und ich werde noch in 30 Jahren gerne an diese Zeit zurückdenken.

„Geprägt durch Tierheimhunde“ – wie ich das nun konkret meine? Nun, es hat mir zu einer „offenen“ Einstellung verholfen, ohnedies ein Aspekt, den ich gerade als dem Zeitgeist entsprechend sehen würde.

Ich zeige dir etwas, ich zeige dir eine Möglichkeit, vielleicht eine von vielen. Es bedeutet nicht, dass es für dich so funktionieren muss, dass du es so machen musst und dass nur diese Möglichkeit, die einzig richtige ist. Ich gebe dir etwas mit, ich vermittle dir etwas, natürlich auf Basis von Erfahrung und Gelerntem.

Klar, auch hier darf man differenzieren. Manche „Branchen“ und Bereiche ändern sich schneller als andere. Pi ist nun mal Pi und Mathematik, Physik und Chemie, kann ich jetzt nicht so einfach „flexibel“ sehen ebenso wie Geografie und Klimazonen. Das ist halt so, zum jetzigen Zeitpunkt. Aber vielleicht die Anwendung von Fakten, kann ich womöglich doch kreativ gestalten. Und selbst die Physik, könnte sich durch jüngste Entdeckung in der Teilchenforschung womöglich auch noch mal grundlegend ändern….

Das mag auch notwendig sein, wenn wir einer Gruppe von 10 Mensch-Hund Teams etwas lehren oder vorzeigen möchten. Da braucht es eine klare Linie, sonst gibt es da kein Ende. Vor allem brauchen auch viele Menschen zunächst eine klare Linie und können schlichtweg nicht dem breiten Erfahrungs-Horizont des Tiertrainers sofort und in vollem Umfang folgen. Den meisten von uns, wird es mit jedem neuen Thema ähnlich gehen.

Und es mag auch sein, dass alles in allem, ein paar sehr wenige Herangehensweisen schlichtweg in den meisten Fällen ganz einfach funktionieren. Daher der Titel, geprägt durch Tierheimhunde.

Weil man einfach mehr mit den „Ausreißern“ zu tun hat, die nicht in ein Schema passen. Weil diese Hunde vielleicht genau deshalb im Tierheim gelandet sind und nicht so „funktionieren“ wie die meisten. Natürlich gibt es auch die tragischen Fälle, die erst durch eine traumatische Erfahrung so geworden sind und zuvor ganz „normale“ Hunde waren. Aber eben auch diese, hast du hauptsächlich in Tierheimen sitzen.

Und genau diese Erfahrungen sind es, die mich Aussagen wie „glaubt mir, Euer Hund steht sich’s mehr auf die Leckerlies als auf Euer Lob“ verneinen lassen. Schlichtweg weil ich schon andere Erfahrungen gemacht habe und klar sagen kann, das dem nicht so ist. Klar, im Großen und Ganzen wird dem auch so sein, klar funktioniert die positive Bestätigung mit Futter (Leckerlies) zumeist und dann auch sehr gut, aber es gibt halt auch Ausnahmen und ich denke, das sollte nicht unterschätzt werden. Gerade zu diesem Beispiel, dürfte es schon wieder eine Studie geben, die einer Bestätigung über Futter weniger bzw. weniger nachhaltige Effekte zuschreibt als über Lob und Zuwendung. Aber gut, Studien schon wieder, lasst uns einfach mal das Individuum betrachten und dann entscheiden.

Ja, sie haben mich geprägt, die Tierheimhunde. Ich bin kritisch, wahrscheinlich vor allem pedantisch, weil mir das Thema wichtig ist. Zu wichtig und es mich einfach nervt, wie gerade Menschen vom Hundefach so emotional und stur oft zu verallgemeinern versuchen. Vielleicht oft aufgrund der eigenen Komfortzone, die man nicht verlassen will oder einfach nicht verlassen kann. Es geht doch Lehrerinnen und Lehrern nicht anders, im Grunde funktioniert es, doch einige Individuen bleiben übrig, weil sie nicht so sind wie die 20 oder 30 Anderen in der Klasse doch für die fehlt die Zeit.

Geprägt bin ich, weil ich erkennen durfte, wie „einfach“ und „unproblematisch“ doch viele Hunde auch sind. Es war mir fast unheimlich, ich war es nicht gewohnt. Und es gab die Phase da dachte ich, mir keinen Hund mehr aus dem Tierheim zu nehmen, weil es mir zu „anstrengend“ geworden ist, ständig und zu 100% auf seine mitunter problematischen Marotten Acht geben zu müssen. Nein es sollte einer mit guter Welpenstube und Sozialisierung sein.

Ah, Moment, da ertappe ich mich gerade. Ich denke ja gar nicht an einen Welpen offensichtlich. Ich denke ans „ausbaden“ von etwas, was irgendwann vermurkst wurde.

Doch ich merke auch, dass ich noch nie Interesse daran gehabt hätte, mir die Nachkommen von „Donnerschlag vom Teufelsstein“ gepaart mit „Princess of oriental beauty“ (ich hoffe das es jetzt nichts von dem wirklich gibt, falls doch – mea culpa – es war nicht böse gemeint, mir ist bewusst, dass der ganze Stolz der Züchter in diesen Namen steckt!) zu kaufen. Nicht, das ich etwas gegen gute und verantwortungsvolle Hundezüchter hätte, ganz im Gegenteil, das ist eine Wissenschaft für sich und sehr viel Arbeit/Aufwand, wenn man es gewissenhaft betreibt. Ich habe schlichtweg bislang nie aktiv danach gesucht, während in meinem Hinterkopf die vielen Hunde präsent sind, die einen guten Platz verdient haben.

Kein Züchter, keine Züchterin kann uns garantieren, dass wir einen Hund von ihnen bekommen, der niemals gesundheitliche Probleme haben wird. Sie können Risken minimieren, einige vielleicht ausschließen, doch genug Beispiele aus der Praxis haben mir gezeigt, dass die Natur einfach die Natur bleibt und wir mit ihren Launen umzugehen haben. Vielleicht darf manchmal beim Thema Zucht an den Roman „Die purpurnen Flüsse“ gedacht werden, um schlimmeres zu vermeiden…

Hundezüchter stillen einen Bedarf, gerade wenn es um Leistungszuchten geht, oder sagen wir mal wenn es um Hunde geht, die einen bestimmten Arbeitseinsatz haben werden. Hier will ich jetzt aber keine unpassenden Begrifflichkeiten verwenden, ihr wisst sicher, worum es mir geht. Es schätzen die Abnehmer einfach gewisse Eigenschaften von Zuchtlinien, auf die man sich wohl in der Regel auch verlassen wird können. Aber es sind wie immer die Ausnahmen, die die Regeln bestätigen 😉

Und solche Hunde, die Ausnahmen, landen dann vielleicht im Tierheim, obwohl sie womöglich fantastische Fähigkeiten hätten, die zur „Arbeit“ gebraucht werden könnten. Vielleicht nicht zum ursprünglich gedachten Einsatz, womöglich aber ein anderer, oder einfach nur um Hund zu sein.

Ich erinnere mich an so eine Schäferhündin im Tierheim. Was aus der süßen Maus wohl geworden ist? Für den Schutz war sie wohl ungeeignet, was auch immer ihre wahre Geschichte war, und ein bisschen einen Knall hatte sie schon, ja, den hatte sie, aber der wurde ihr vielleicht antrainiert. Jedenfalls aber hatte sie eine unglaubliche Nase und auch ganz klar den Antrieb zur Nasenarbeit, für jemanden der genau so einen Hund sucht, ein Volltreffer. Ein Volltreffer aus dem Tierheim, nicht aus einer gezielten Zucht.

Ganz interessant finde ich auch eine gewisse „neue Einstellung“ von Menschen, die ich in Kommentaren zu Hundevergaben von Tierheimen auf Social Media erstmals vernommen hatte.
„Warum wird der Hund nicht an den Züchter zurückgebracht, die müssen ihn zurücknehmen, wenn er dieses oder jenes hat“
Ja wie stellen die sich das vor?
Wie ein kaputtes Auto, entweder ich kann es reparieren oder ich muss es zurücknehmen? Da müsste man aber jemanden schon sehr fahrlässiges Verhalten in der Zucht nachweisen können. Und selbst dann, was glaubt man was mit so einem Hund dann geschehen wird…. Hoffentlich landet er noch im Tierheim und erhält noch eine Chance.

Die Tierheimhunde haben mich geprägt und das wird in meinen Beiträgen auch erkennbar sein. Erkennbar, weil ich nicht pauschalisieren will und mir Themen rund um den Hund zu wichtig sind, als das ich saloppe Aussagen, die vor allem von vielen Menschen die nicht vom Fach gesehen und gehört werden könnten, nicht so einfach im Raum stehen lassen will. Gerade wenn wir uns Trainer oder Trainerin nennen, sollten wir uns auch die Mühe machen, genau zu bleiben und differenzierter Betrachtung offen gegenüber zu sein.

👉 In meinem nächsten Artikel gehe ich konkreter auf die Prägung beim Hund ein, bzw. in welchem Kontext ich eine bezugnehmende Aussage eher kritisch gesehen hätte.

 

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