Hundetraining – Positive Bestärkung mit Futter (Leckerlies)

der hund bekommt ein leckerli als positive bestaerkung waehrend des hundetrainings hund mit maulkorb und leine

Ebenfalls ein Thema was unnötigerweise Fronten schafft, wie ich meine. Anzumerken ist, dass es in diesem Beitrag um Grundsätze und nicht um konkretes Training geht. Es geht um Grundsatzaspekte, Kommunikation und mitunter auch Missverständnisse unter Hundeprofis, in Ausbildung und Lehre, die ausführlich und genau zu sein hat, um ein professionelles Niveau nachhaltig aufrechterhalten zu können.

Selbstverständlich kann ich Futter (Leckerlies) zur Belohnung, Ablenkung, Konditionierung, etc. einsetzen, gar keine Frage, auch massiv durch Verstreuen ganzer „Ladungen“ aber wieder mal – „ich muss nicht“

Futter ist nicht das einzige Mittel, um tierschutzgerecht und non aversiv mit einem Hund zu trainieren. Es ist ein äußerst hilfreiches und, je nach Individuum, sehr „gewichtiges Argument“ (Futter/Nahrung als Teil eines biologischen Grundbedürfnisses) für Konditionierungsvorhaben. Ebenfalls aber dürfte eine Studie ergeben haben, dass z.B. Lob/Streicheleinheiten/udgl. ein wesentlich gewichtigeres, positives Bestärkungssignal darstellt als Futter. Die Studie habe ich jetzt nicht extra rausgesucht, von dieser habe ich 2019 in einem Vortrag erfahren.

Ich persönlich jedenfalls durfte Hunde kennenlernen, denen Lob oder „Krauler“ herzlich „egal“ waren, Futter hingegen, war DER Motivationsgrund. Wieder andere Hunde, gut, es waren halt „problematische“ Einzelfälle, konnten auf das Anbieten von Futter sogar sehr „skeptisch“ reagieren, gelinde ausgedrückt, was klar zeigt, dass Nahrung (Leckerli) kein Wundermittel darstellen muss.

Ebenfalls haben wir heute Systeme des wortlosen Hundetrainings, rein über Körpersprache.

Wir können nicht das eine, gültige System mit „aller Gewalt“ durchsetzen versuchen, es gibt nun mal mehrere Möglichkeiten und Ansätze und die heißt es für das Individuum passend herauszufinden.

Wohlgemerkt allerdings, dass Hundetrainerinnen und Hundetrainer, den Einsatz von Futter schon sehr gezielt und gekonnt anwenden und dies in der Regel nicht zu einer permanenten Futterzufuhr über Leckerlies ausarten lassen. Es geht hier um Training, Konditionierung, Ablenkung, etc.

„Richtiges“ Training bzw. Üben, erfordert Aufmerksamkeit und dies gelingt nur konzentriert über einen gewissen, relativ kurzen Zeitraum optimal. Was man in der Realität allerdings oft sieht, ist eine doch eher permanente „Futtergabe“ bei jedem Spaziergang, das wäre mir persönlich doch schon zu viel des Guten und ich halte es sogar für kontraproduktiv.

Von daher mögen auch die Gegenstimmen kommen, nicht gegen positive Verstärkung mit Leckerli per se, auch nicht gegen die Quantität womöglich im gezielten Einsatz, sondern gegen die dauernde und regelmäßige Gabe von Futter bis sie womöglich zur uninteressanten Gewöhnung ausartet. Dieser Kritik würde ich mich durchwegs anschließen und ich denke, dass hier das grundsätzliche Missverständnis begraben liegen könnte.

Denn wenn ich etwas von Vortragenden und Hundeprofis erfahren durfte, über vergangene Zeiten wo aversive Methoden in diversen Bereichen „selbstverständlich“ und „üblich“ waren, dann war es, dass selbst negative Schmerzreize ihren Effekt irgendwann verlieren (allerdings mit durchwegs negativen Folgen, also lässt das bitte bleiben!). Das wird mit Futter nicht anders sein, würde ich meinen. Um mit Futter (Leckerlies) effektiv und nachhaltig Erfolg haben zu können, werde ich auch dieses Mittel sehr gezielt einsetzen müssen, um nicht irgendwann an einem inflationären Plateau anzugelangen.

Was mich persönlich jedoch sehr stört ist, dass die Verwendung von Futter, als Belohnung per Leckerli, generell als ausschließlich positiv, tierschutzgerecht und überhaupt als einzig korrekte und „gute“ Methode dargestellt wird. Das sehe ich in dieser Verallgemeinerung schlichtweg als falsch, weil ich Hunde erleben durfte, die sehr ausgeprägte Stress-Signale bis hin zu ganz deutlichen Beschwichtigungssignalen gezeigt hatten, wenn Futter zur Bestärkung herangezogen wurde. Futter kann eine „GEWALTige Macht in der Hand des Hundehalters sein und dies kann auch zur Gewalt im Umgang mit dem Hund ausarten. Gewalt ist nicht immer nur physischer Natur, psychische Gewalt ist definitiv nicht zu unterschätzen. Aber auch hier wieder: kann sein, muss es aber nicht. Es hängt schlichtweg vom Individuum ab!

Also zu verallgemeinern, dass Verhaltenssteuerung per Futter (Leckerli) generell nur positiv und „gut“ ist, finde ich recht engstirnig und weltfremd, vor allem im professionellen Bereich und ich spreche nicht davon, dass der Hund sich mal aus Freude ein Leckerli abholt, sondern vom gezielten Einsatz. Gerade beim Tier haben wir hier mit noch viel ausgeprägteren, biologischen Grundbedürfnissen zu tun und das kann zu gewaltigem Stress bis hin zur Qual führen. Hier heißt es definitiv aufpassen! (was hier aber definitiv nicht bedeutet, auf physische Gewalt zurückzugreifen, es geht hier rein um Bedacht der möglichen, psychischen Belastung!)

Aversive Methoden:

Mir fällt gerade noch eine, womöglich wieder mehr philosophische, Differenzierung zu aversiven Lernmethoden ein. Wobei es mir hierbei vor allem um die Abgrenzung diverser Begrifflichkeiten geht.

Vorweg, die haben nichts im Umgang und vor schon gar nicht im Training mit Tieren verloren, dennoch möchte ich es im Kontext des „Lernen“ betrachten. Also an alle nicht Hunde-Profis, die diesen Text hier lesen: Bitte verwendet bloß keine Gewalt, Schreck oder ähnliches wenn Ihr eure Hunde erzieht oder mit ihnen arbeitet. Das führt zu nichts, baut nur Frust und Meideverhalten auf und wird Euch irgendwann womöglich große Probleme bereiten! Bitte beachtet das sehr gewissenhaft und nehmt Euch Zeit für Euren Hund. Das ist hier rein eine differenzierte Betrachtungsweise um die teilweise emotional eskalierenden und vor allem Ausufernden Auswüchse in Diskussionen wieder auf ein sachliches Niveau zu bringen.

Bereiche wie Polizei und Militär schließe ich jetzt einmal aus, wo genau differenziert werden muss. Es gibt nicht das eine Level von (physischer oder psychischer) Gewalt, es steht, genauso wie der Begriff der Dominanz, in Wechselwirkung bzw. ist in Relation auf das Individuum zu sehen. Natürlich gibt es klare Grenzen, es ist also nicht einfach, dieses Thema korrekt in Worte zu fassen. Und erneut zur Klarstellung: Es gibt keine Notwendigkeit für das „Grundtraining“ mit aversiven Mitteln zu arbeiten, in den Einsatzbereichen wird man wohl aber auf Extremsituationen vorbereiten müssen!

Mir geht es um eine andere Betrachtung, die vielleicht eine Differenzierung ermöglicht.

Ursprünglich auf diese Gedanken hat mich ein Schild im Wolf Science Center in Ernstbrunn gebracht:

„Schutzmaßnahmen gegen Übergriffe der Wölfe auf Nutztiere“

„Elektrozaun: Bewirkt bei Berührung einen sehr schmerzhaften, aber nicht lebensgefährlichen Stromschlag. Die Nutztiere werden innerhalb der Umzäunung gehalten, Wölfe und auch Hunde werden abgewehrt. Lerneffekt: „Schafe tun sehr weh“

Es muss uns eines klar sein. Schmerz (oder aber auch Schreck“ z.B.) kann einen großen Lerneffekt haben. Doch wo ist die wesentliche Abgrenzung zur Gewalt?

Ich sehe diese Abgrenzung in der Art und Dauer von negativ wirkenden Einflüssen.

Wenn Mutter oder Vater zum einhundertsten male das Kind ermahnt haben, nicht auf die heiße Herdplatte zu greifen, weil dies sehr weh tut, so werden einige Kinder diese schmerzhafte Erfahrung wohl dennoch machen. Und sie werden daraus lernen, ohne ein lebenslanges Trauma davonzutragen.
Es war dann aber eine „freiwillige“ bzw. „ungeschickte“ Aktion des Kindes, Gewalt (wie es leider vorkommt) wäre das Kind mit der heißen Herdplatte zu bestrafen. Sollte also undenkbar sein.

Der Hund, der also seine Erfahrung am Weidezaun macht, hat also keinen Aggressor oder Tyrannen, der ihm auf Knopfdruck Schmerz zuführt und er diesem nicht willentlich entkommen kann. Dies ist ein wesentlicher Unterschied.

Wenn ich gedankenverloren im Stau stehe und hinter mir dreht ein Einsatzfahrzeug das Martinshorn auf, so wird mir das wohl einen Schrecken einjagen. Es wird mich alarmieren und wachrütteln. Dafür ist es da. Ein lebenslanges Trauma sollte ein gesunder Mensch hier nicht davontragen. Zur Gewalt würde dauerhaft zugeführter Lärm führen, dem man sich nicht entziehen kann.

Eine „Schrecksituation“ herbeizuführen ist daher nicht unbedingt sofort mit Gewalt gleichzusetzen. Hier darf ich auch auf Schlafforscher verweisen, die die negativen, physiologischen Auswirkungen von Weckern klar beschreiben, ändern wir das oder haben wir es „akzeptiert“? Im Grunde also negativ, aber „tragisch“? Oder vielleicht doch wieder individuell zu betrachten?

Es muss also klar zwischen (wiederkehrenden) Aktionen als Teil von Trainingsmethoden und kontextbezogenen Aktionen unterschieden werden. Und das ist mir hier äußerst wichtig.

Denn ich konnte schon beobachten, wie Menschen sich schon nicht mehr richtig reagieren trauten, wenn es um problematische Situationen mit ihren Hunden ging. Weil „Gewaltlosigkeit“ schlichtweg falsch kommuniziert wird und zeitweise schon fast wie ein Damoklesschwert über der neuen Hundewelt liegt. Natürlich hat man seinen Hund auch mal harsch an der Leine aus einer gefährlichen Situation herauszuziehen, um Schlimmeres zu vermeiden. Das bedeutet ja nicht, dass Du den gleich strangulierst oder einengst, wenn Du mal an der Leine zerrst. Du willst Deinem Hund damit ja nichts beibringen und machst dies regelmäßig. Und selbstverständlich kann ein lauter Schreier auch angebracht sein, um Gefahr abzuwenden. Das hat weder mit Gewalt und schon gar nichts mit Trainingsmethoden zu tun. Es geht um ein Agieren in zeitlich knapp bemessenen Rahmen, da braucht man keine Leckerli anfangen hervorzukramen. Aber offensichtlich braucht es eine ordentliche Aufklärung und genaue Vermittlung, um den Unterschied zwischen gewaltfreier Erziehung und Handeln in bestimmten Situationen zu verstehen. Das nämlich, dürfte ziemlich abhandengekommen sein.

Möglicherweise herrscht hier schon eine gewisse Angst oder Scham dann als gewaltverherrlichender Mensch dazustehen. Hauptsächlich deshalb, weil Menschen eine Momentsituation gleich sich gerne anmaßen auf ein generelles Verhalten umzulegen. Witzigerweise wird das gelernte „Beobachten <> Interpretieren“ dann wieder vergessen und auf Teufel komm raus voreilig interpretiert und pauschalisiert. Auch dies durfte ich schon beobachten und zum Glück schon sehr bald den Spiegel denjenigen vorhalten.

Das, was wir für ein Hundetraining nicht wollen, weil es kontraproduktiv wäre, vor allem auf Dauer keinen (positiven) Effekt hätte, hat nichts mit spontanen Aktionen und Reaktionen im Hundealltag zu tun.

„Zerlegen“ tue ich diese Dinge gerne, weil mir die möglichst fehlerfreie Kommunikation wichtig erscheint, um dieses emotionale Thema rund um den Hund etwas sachlicher gestalten zu können, gerade im Bereich, wo erfahrene Menschen mit unterschiedlichen Ansichten sich austauschen.

Denn es darf nicht sein, dass Profis sich in die Haare kriegen, während da draußen im täglichen Geschehen richtiger Mist passiert. Es darf auch nicht sein, dass alles schlecht geredet wird, wenn Menschen sich „Problemhunden“ annehmen und so ziemlich jede Methode (die definitiv non aversiv sind) kritisiert wird und egal was, es nur noch „der arme Hund“ ist und vergessen wird, dass ein ganz anderer Mensch, dieses Problem geschaffen hat. Es wird mit Begriffen wie „erlernte Hilflosigkeit“ um sich geschmissen ohne dass Menschen offensichtlich auch nur annähernd diesen Begriff überhaupt begreifen was dieser eigentlich (dramatisch) Bedeutet. Also bitte mal den Link zu „Experiment zu erlernter Hilflosigkeit bei Hunden“ auf Wikipedia folgen, lesen, kapieren und nicht irgendetwas nachplappern. Ich verurteile diesen Versuchsaufbau übrigens, hätte meine Großmutter mir das Ergebnis sagen können ohne so eine „Experiment“. Sinnlose Bevormundungen und Besserwissereien, während die wirklich drastisch schwachsinnigen Videos (z.B. Rückruftraining mit Elektro-Schock-Halsband) seelenruhig auf YouTube existieren dürfen.

Ganz zufrieden bin ich mit meinem Text hier selbst nicht, weil ich mich frage, ob das, was ich zu vermitteln versuche auch so rüberkommt. Meine Intention ist es, Hundeprofis ob aus Praxis und/oder Forschung und Lehre, genauso wie die Menschen aus anderen Tierberufen wieder vermehrt auf ein gemeinsames Level zu bringen, denn wenn Mami und Papi streiten, dann werden die Kinder ihren eigenen Weg gehen ???? Im Grunde unterscheiden sich die Meinungen ja nicht in so gravierenden Punkten, es geht doch nur um Feinheiten und die Freiheit aus dem zu wählen was möglich ist, anstatt nur eine Richtung vorgeben zu versuchen.

Dieser Text kann auch nur „funktionieren“, wenn die Leserschaft bereit ist, über den Tellerrand zu blicken und miteinzubeziehen, dass wir in unserer Gesellschaft mit sehr vielen unterschiedlichen Hunden und HalterInnen zu tun haben. Unterschiedliche Rassen genauso wie Hunden aus Tierheimen, misshandelten Hunden sowie „perfekt“ sozialisierte Hunde mit fantastischer, stressfreier Kinderstube.

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