Das Dilemma der Politik mit den Listenhunden

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Listenhunde und das Gesetz

Nun, wie fangen wir hier am besten an, wenn wir es mit Begriffen zu tun haben, die uns hellhörig werden lassen, die uns Vorsicht walten lassen, die uns vom Geschichtsunterricht im Kopf geblieben sind.

Der Begriff der „Rasse“.

Es war auf einer langen Autofahrt von Berlin nach Wien, da war eine interessante Radiosendung über den Begriff der Rasse zu hören. Auf Menschenrassen bezogen.

Der Begriff solle abgeschafft werden, er habe keine Gültigkeit.

Die Universität Jena, und ich glaube mich erinnern zu können, dass ein Wiener Institut hier ebenfalls involviert war, war hier wohl federführend.

Auf Wikipedia liest man heute:
2019 verabschiedete die Deutsche Zoologische Gesellschaft unter Martin S. Fischer, Uwe Hoßfeld, Johannes Krause und Stefan Richter die Jenaer Erklärung, nach der das Rassenkonzept „Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung“ sei.
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Rassentheorie

Nun gut, wir sind hier thematisch natürlich beim Menschen, mal sehen, ob die „Deutsche Zoologische Gesellschaft“, hier noch beim Hund/Tier auch was verändert.

Von Mitte 2019 etwa gibt es eine Literaturstudie der Veterinärmedizinischen Universität Wien die besagt, dass die rassespezifische Gefährlichkeit von Hunden aktuell weder wissenschaftlich erwiesen noch durch zuverlässige Bissstatistiken belegt werden kann.

Diese Studie habe ich leider bislang nirgends als Download entdeckt, wäre sicher interessant gewesen. Zumindest habe ich jetzt die Information, dass es sich um eine „Literaturstudie“ handelt.

Ich habe mich immer gefragt, wie genau solch eine Studie denn durchgeführt worden ist, ohne tierschutzrechtlich problematisch zu sein (die menschliche Komponente hier mal komplett außer Acht gelassen), wenngleich für die Forschung wohl das Tierversuchsgesetz zum Tragen kommt. Wie auch immer, lassen wir mal das Negative weg, vielleicht kommt eine Studie ja zu dem Schluss, dass der Malinois z.B. (im Kontext der Rasse, nicht in Bezug auf das Individuum) gar nicht besser für den Schutzdienst geeignet ist als der Pudel…

Nun, ich hoffe Ihr versteht worauf ich hinaus will. Vielleicht schaffen wir auch bei Hunden womöglich den Begriff der Rasse ab. Noch verwenden wir diesen Begriff, um Hunderassen zu unterscheiden. Es gibt ganze Bücher und Artikel darüber. Ich will also nichts Negatives darin sehen (vor allem nicht als rassistische Terminologie) von Hunderassen zu sprechen, wenngleich ich generell Vorsicht walten lasse, denn schon 10 Jahre nach meiner Kindheit, waren manche Begriffe, die ich als Kind gebraucht hatte, plötzlich Tabu.

So, zurück zum eigentlichen Thema: Sonderregelungen für Listenhunde bzw. deren Besitzer

Wir haben also Hunderassen, die sich in ihren charakterlichen, physischen, physiologischen Fähigkeiten/Grundzügen sowie in ihrer Erscheinung/Aussehen unterscheiden. Wir wählen bei Gebrauchshunden je nach Einsatz gewisse Rasen aus, wobei die individuelle Eignung am Ende natürlich ausschlaggebend sein wird.

Entkomplizieren wir das ganze mal:

Wir haben kleine Hunde und große Hunde, kräftige, bullige Hunde, weniger kräftige Hunde und Kombinationen. Der kleine Foxterrier, Jack Russel, etc. ist von der Rasse her ein potenziell perfekter Rattenjäger (und -killer) eine durchwegs anspruchsvolle und nicht ungefährliche Aufgabe. Doch würde ich jetzt als erwachsener Mensch von einer potenziellen (und womöglich tödlichen) Gefahr für mich bei einer solchen Hunderasse ausgehen? Mal ehrlich, wohl eher nicht.

Und auch hier wieder, ja, auch eine kleine Babykatze kann mir im Schlaf mit ihren scharfen Krallen die Halsschlagader wohl aufreißen und mich somit lebensgefährlich verletzten. Ich will hier beim „gesunden Menschenverstand“ bleiben also „wem gegenüber kann ich mich erwehren“, ich glaube das bringt es am ehesten auf den Punkt.

Ich durfte großartige Hunde kennenlernen, die aufgrund ihrer Rasse auf einer Liste standen, tolle Menschen mit Listenhunden, die genau wussten, welchen Situationen sie mit ihren Hunden besser aus dem Weg gingen, verantwortungsbewusste Menschen, mit Wissen über ihren Hund. Ich kam auch in Situationen, da war ich froh wieder draußen zu sein, Situationen die katastrophal enden hätten können. Ja, auch aufgrund von rassespezifischen „Eigenheiten“ vielleicht, mehr allerdings aufgrund von fahrlässigem Verhalten der HalterInnen.

Ich sollte meinen Hund schon kenne, egal welcher Rasse, aber vor allem auch wissen, was er vielleicht im Stande ist „anzurichten“. Wenn wir von Menschen ohne Verantwortungsbewusstsein oder gar Menschen mit zweifelhaften Ambitionen sprechen, dann gebe ich zu, ist mir so ein Mensch mit einem Chihuahua an der Seite lieber als mit einer Rasse die Potential hat, schwere Schäden anzurichten, ganz klar. Bislang hat mir hier auch jeder zugestimmt, wenn ich es auf diese Art zur Sprache gebracht hatte.

Die Sichtweise also weg vom Hund hin zum Menschen. Von daher sehe ich die Literaturstudie der VetMed Wien zwar grundlegend positiv und als einen wichtigen Beitrag, doch wird hier womöglich zu wenig auf ein „Gefahrenpotential“ (durch den Menschen) eingegangen.

Denn nach einem Lehrvortrag vom großartigen Dr. Udo Gansloßer über Welpenentwicklung, ist schon klar, wann (Entwicklungsphase) und wie ich wohl jede Rasse missbräuchlich erziehen kann.

  • Ist also eine grundsätzliche Unterscheidung von Hunderassen im Kontext einer gesellschaftlichen Verantwortung gerechtfertigt?
  • Ist „Bevormundung“ (durch Gesetze) manchmal notwendig und angebracht?
  • Selbst wenn unbescholtene und verantwortungsbewusste Menschen mit Ihren Tieren darunter zu „leiden“ haben?

Im Grundsatz, ist es wohl nicht gerechtfertigt, weil es womöglich gegen einen Gleichheitsgrundsatz verstößt, aufgrund von „Potenzial“ zu urteilen. Was es aber offensichtlich so schwierig macht darübe zu diskutieren und eine gemeinsame Linie zu finden, sind die unterschiedlichen Sichtweisen.

Die Forschung ist sehr theoretisch, TrainerInnen haben einen anderen Zugang, vor allem, wenn sie mit einem gut sozialisierten (Listen-)Hund mit guter Welpenentwicklung zu tun haben. Die Situation in Tierheimen ist wieder eine eigene Sache und Menschen in Veterinärberufen, die Hunde auch mal „abnehmen“ müssen, haben über ganz andere Erfahrungen zu berichten.

Nein, es ist kein einfaches Thema und es ist ein emotionales Thema, eine Thema das bewegt. Wenn wir von spezifischen, charakterlichen Eigenschaften ausgehen dürfen, die einer Hunderasse zuzordnen sind, dann gehören diese im Kontext eines gesellschaftlichen Zusammenlebens sehr wohl beachtet.

Vielleicht auf einfache Art und Weise, wie „der Schwächere hat Vorrang vor dem Stärkeren“. Das haben wir im Straßenverkehr genauso wie in der Luft oder auf dem Wasser.

Klar, ein Hund einer sehr kleinen Rasse, ein „Wadelbeisser“ gehört auch erzogen, absolut, aber eine „lästige Störung“ (womöglich auch mit kleineren Verletzungen des „stärkeren“ wohlgemerkt) ist mit Sicherheit nicht zu vergleichen mit lebensbedrohlichen Auseindarsetzungen.

Ich spreche da aus eigener Erfahrung, mit meinem Hund Merlin an der Seite, der an beidseitiger Gracilis Kontraktur gelitten hatte. Er hat sich aufgeregt wenn ein anderer Hund ihm zu nahe kam und sich dann selbst verletzt. Ich bin immer ausgewichen, erkennbar ausgewichen. Ein Rückruf, der sollte schon funktionieren. Wohlgemerkt spreche ich aber gerade von einer speziellen Situation, mein Hund war ja (bzw. hatte ja) eigentlich das Problem.

Heute würde ich mit einer gelben Schleife verstärkt auf mich aufmerksam machen (gelber Hund / gulahund / yellowdog).

Nicht nur Menschen gehören geschützt, auch die Hunde anderer Menschen.

Auf gewisse, rassespezifische Eigenarten, die abseits eines entsprechenden Einsatzgebietes zu „Problemen“ führen können, will und kann ich jetzt nicht eingehen, da bin ich gerade nicht up-to-date, wenngleich sich da vielleicht nicht viel in der Auffassung geändert hat. Der Hund, die Rasse, das Individuum, kann jedenfalls nichts dafür, wurde er doch vom Menschen in eine gewisse, von ihm gewünschte Richtung gezüchtet.

Vielleicht liegt ja hier das Problem tief vergraben, Anti-Jagd-Training z.B. um mal von den „bösen, aggressiven und gefährlichen Listenhunden“ abzulenken.

Hunderassen, die gezielt für die Jagd gezüchtet wurden, das aber nie ausleben können. Davon gibt es sicher immer mehr Individuen die darunter (so würde ich aus eigener Beobachtung zumindest behaupten) zu leiden haben. Ich generalisiere auch hier nicht, so manches Individuum einer Jagdhundrasse wird sich gar nicht dafür interesseieren etwas hinterherzujagen oder zu erschnüffeln. Doch selbst beim „abtrainieren“ über positive Verstärkung, war dieser innere Drang und Konflikt deutlich erkennbar und spürbar bei so machem „Exemplar“ das mir über den Weg gelaufen ist.

Können wir uns vielleicht aus anderen Bereichen des Lebens etwas abschauen?

Unterschiedliche Führerscheine für unterschiedliche KFZ-Typen und -Größen. Pilotenscheine etc. Hilft uns das weiter? Schützt das vor Unfällen?

Immerhin lenken Terroristen wohl mit Führerschein bzw. Pilotenlizenz LKW oder Flugzeuge in Menschenmassen oder Hochhäuser…. Ich weiß, ich gehe jetzt schon sehr weit, gewisses werden wir nie ganz ausschließen können…

Kein Gesetz wird uns vor Schaden durch Kriminelle schützen, es kann uns aber womöglich vor Menschen mit zu wenig Wissen über eine Hunderasse oder einer Gedankenlosigkeit schützen.

Aufklärung und Schulung sind wesentlich, erste Schritte sind getan. Man darf Hunde und HundehalterInnen nicht diffamieren und unnötig mit gesetzlichen Auflagen überhäufen, weil etwas passieren könnte. Weil in Einzelfällen etwas passieret ist.

Wir haben die Thematik im Straßenverkehr, ob aggressive Fahrweisen oder abbiegende LKW und beide Seiten schulen wir. Es geht auch um Aufsichtspflichten und die Frage in wie Weit ich meiner Aufsichtspflicht überhaupt noch nachkommen kann, egal ob gegenüber Kind oder (Listen-)Hund, wenn ich mich beim Heurigen z.B. angeregt unterhalte.

Es gibt Unfälle, es gibt fahrlässige Unfälle, es gibt tragische Unfälle. Unfälle gehören leider zum Leben, nicht immer wird es eine(n) Schuldige(n) geben, auch wenn es im tragischen Fall so sehr gewünscht wird.

Ich muss kein Hundefreund sein, um zu akzeptieren, dass Hunde zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor im zoologischen Handel gehören, der beachtliche Geldsummen erwirtschaftet und Menschen Arbeit gibt. Das Miteinander ist wichtig, es gehört aufeinander geachtet.

Aber als Politiker der Entscheidungen zu treffen hat, ganz ehrlich, wenn ich die Hundebranche so betrachte, da würde ich wohl nicht anders entscheiden. Zu viele sind unterschiedlicher Meinung, was per se nicht tragisch wäre, aber in der Umsetzung von strukturierten Regeln einfach oftmals über’s Ziel hinausschießen.

Kein Mittelweg will mehr gefunden werden, weil zu viele, auf fast ungute Art, sich profilieren wollen und eigentlich schlechte LehrerInnen sind, weil sie nicht lehren, sondern eine festgefahrene Meinung nur weitergeben.

Ein guter Lehrer bin ich, wenn ich meinem Schüler alle Möglichkeiten und Erfahrungen mitgebe, damit dieser sich in der individuellen Situation am besten zurechtfinden kann.

Der „gesunde Menschenverstand“, der muss vielleicht wieder gelehrt werden.

In einer Großstadt wie Wien, durfte ich großartige Hundebegegnungen beobachten, die, was so manche „Fachfrau“ oder manchen „Fachmann“ betreffen, ja schon totales No-Go gewesen wären.

Unaufgeregte, großartige Mensch-Hund Teams mit einem Hausverstand und Feingefühl für Situationen mit Mitmenschen und Mithunden. Und wenn’s mal wilder wurde, einfach raus aus der Situation und kein Drama daraus machen.

Dafür muss ich aber vor allem meinen Hund kennen, ob Listenhund oder nicht, das wäre das Entscheidende.

Und Angst und Unsicherheit, sind sicher die schlechtesten Begleiter. Die werden nur allzu gerne geschürt.

Ja, es liegt wohl sehr am Menschen….

 

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