Prägung beim Hund – als Überlegung für Training und Zusammenleben?

Hund mit schwarzem Fell und blauen Augen hinter einem Zaun im Tierheim der darauf hofft, gerettet zu werden und einen neuen Platz findet.

Wie schon in meinem vorherigen Artikel 👉 „Geprägt durch Tierheimhunde – Die Welt ist bunt und vielfältig“ angesprochen, hatte mich eine Aussage zum Begriff der Prägung mit Verweis auf Konrad Lorenz nachdenklich gemacht.

Die Aussage stammt von einem Trainer, den ich nicht persönlich kenne, aber seiner Art doch etwas Positives bislang abgewinnen kann. Es geht mir also nicht darum, diesen Menschen oder diese eine Aussage isoliert betrachtet zu kritisieren oder gar anzugreifen, sondern vielmehr darum, eine womöglich generell sich etablierende Tendenz kritisch zu betrachten.

Worum geht es eigentlich?

Es geht um Hundetraining und die Aufmerksamkeit des Hundes auf den Halter. Ob bei Hundebegegnungen oder wenn es um die Aufnahme von Futter, potenziellen Giftködern, geht.

Eine Aussage war, dass er von sogenannten „Welpenschulen“ nichts halte, wo Junghunde in Gruppen Sozialisierung unter anderem „lernen“.
„Der Junghund solle gar nicht lernen, dass er mit anderen Hunden viel Spaß haben könne und sich vielmehr auf seinen Besitzer konzentrieren“

So oder so ähnlich, es soll kein Zitat darstellen es beschreibt die, im Grunde nachvollziehbare, Strategie. Eine Strategie, die darauf abzielt, dass ein Hund im weiteren Leben nicht permanent und aktiv den Kontakt zu anderen Hunden sucht.

Und nochmal, es ist kein böser oder gewissenloser Mensch, von dem diese Aussage stammt. Ganz im Gegenteil, sicher ein guter Hundetrainer, der praktikables Wissen vermitteln kann. Auch dürfen gewisse Aussagen nicht zu isoliert betrachtet werden, denn es ist nicht so, dass er seinen Hunden keinen Kontakt ermöglicht oder den generell ablehnt. Es geht hier schon sehr um Aspekte von Trainingsstrategien.

Ich werde jetzt weder Vortragsinhalte von Udo Gansloßer zu Welpenentwicklung noch Forschungen von Konrad Lorenz zum Thema Prägung hier niederschreiben. Literatur, Vorträge, etc. findet man hierzu genug.

Welche mögliche Tendenz meine ich?

Ich habe den Eindruck, und da mag ich informationsüberflutet von Social Media und dem Internet im generellen falsch liegen, das hier in gewissen Bereichen eine Tendenz zunimmt, dass man sich mit seinem Hund total ungestört nur im persönlichen Team ohne weiteren Kontakt zu anderen Mensch-Hund Teams frei und ungestört im allgemeinen Raum bewegen will.

So, nun langsam Schritt für Schritt. Zum einen, zeigt mir die Realität abseits einer elektronischen, virtuellen Internet-Welt, dass Hunde und HundehalterInnen nach wie vor und wie vor 30 Jahren einen regen sozialen Kontakt und Austausch haben. Allerdings, und das mag mir heute nur subjektiv so vorkommen, sieht man auch immer mehr diese Einstellung der „Kontaktablehnung“ im realen Leben.

Doch was hat sich dann womöglich geändert? Vielleicht ist es die heutige Einstellung dazu und die proaktive „Forderung“ nach seinem „Raum“. Wie eine Energieblase aus der Science-Fiction, die man um sich wissen will. Ja, ich glaube das ist es, was ich in einem negativen Sinn beobachten kann.

Habe ich Verständnis für derartige Wünsche und kann ich sie nachvollziehen?

Aber klar, natürlich, ganz klar sogar! War ich doch selbst irgendwann in der Vergangenheit plötzlich einer von denen geworden, die ihre „Ruhe“ vor anderen Mensch-Hund Teams haben wollte. ABER, da habe ich mich pro-aktiv um meinen Abstand, meine „Schutzschirm-Blase“ gekümmert. Ich bin weiträumig ausgewichen, bei schlechtem Wetter und zu den unmöglichsten Uhrzeiten mit meinen Hunden rausgegangen. Da ging ich nicht durch die Mengen, mir anmaßend alle anderen mögen jetzt ausweichen, das ist wohl der feine Unterschied.

Zurück zu Prägung und Welpenschulen, Welpenspielgruppen:

Im Tierschutzgesetz steht geschrieben: „Wer ein Tier hält, hat dafür zu sorgen, dass … die Möglichkeit zu Sozialkontakt unter Berücksichtigung der Art, des Alters, …“

Ich hoffe mein Gedankenkreis kann sich für den einen oder anderen Leser jetzt schließen – die vermeintliche, trainingsbezogene Enthaltung von Welpen- oder Spielgruppen meines Junghundes, damit ich vielleicht im weiteren Zusammenleben mit meinem Hund als Mensch es „einfacher“, „bequemer“ vielleicht habe. Der Hund soll schön brav mir folgen, „funktionieren“ wie ich es möchte. Denn wenn er nicht weiß, wie schön es ist zu anderen Hunden Kontakt zu haben, will er auch nicht ständig zu ihnen hin. Irgendwie erinnert mich diese Einstellung an Mogli (eigentlich Mowgli), das Findelkind, das bei Tieren im Dschungel aufwächst…

Klar wünschen wir uns (fast) alle unproblematische Hundebegegnungen, dass wir nicht ständig und permanent und vor allem auf eine „anstrengende“ Art und Weise auf die Wünsche oder vielmehr die Emotionen unsere Hunde eingehen müssen. Deswegen erziehen wir unsere Hunde und deswegen gibt es HundetrainerInnen die einem dabei unterstützen. Auch Kinder müssen wir erziehen und ihnen klarmachen, dass es nicht immer um ihren Willen geht.

Aber genauso wenig, wie ich mit meinem Junghund in eine Welpenschule unbedingt gehen muss, so muss ich meinen Hund auch nicht unbedingt in ein Einkaufszentrum mitschleppen, wenn er dafür vielleicht gar nicht geeignet ist.

Ich spreche mich auch nichteinmal gegen „isolierte“ Mensch-Hund Teams aus, das kann wunderbar mit unseren Haushunden heute funktionieren würde ich meinen, dennoch halte ich viel von artspezifischem, sozialem Kontakt. Und vor allem habe ich dann auch zu akzeptieren, dass es andere Mensch-Hund Teams gibt, die anders denken. Es muss nicht immer Kontakt sein, aber ich muss ihn auch nicht mit Gewalt verhindern.

Um einen gewissen Kontakt, werden wir nicht herumkommen. Eine „Empörung“ deswegen, wie sie heute zeitweise vielleicht vermehrt auftritt, mit fraglichen Rechtfertigungen aufgrund von angeblich empirischen Beweisen oder, in einer Pandemiezeit wohl besser geprägter Begriff, wissenschaftlicher Evidenz, halte ich für übertrieben. Ich werde ja auch von Bettlern, Verkäufern, Fund-Raisern, etc. regelmäßig „angequatscht“ ohne diese gleich zu beschimpfen oder zu verurteilen.

Es ist mir ein wichtiges Thema, denn natürlich teile ich den Wunsch, meinen Hund vor potenziell unerwünschten Begegnungen fernhalten zu können. Auch verstehe ich vor allem sehr gut diejenigen, sehr verantwortungsbewussten Hundehalter mit „Problemhunden“, die allen Gefahren aktiv aus dem Weg gehen und wirklich nur ihren Frieden wollen. Denn dass diese sich einer „Empörung“ sich und ihrem Hund gegenüber ausgesetzt sehen müssen, wenn ein anderer Hund einfach auf sie zugelaufen kommt und dies zu einem unfreundlichen Kontakt führt, ist ebenfalls nicht einzusehen.

Ich habe über diese Themen schon in den Artikeln „Hunde spielen lassen – Erwachsene spielen nicht?“ und „Hunde (an der Leine) zueinander lassen“ geschrieben.

Es braucht wieder mehr Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, denn gerade verantwortungsbewusste Problemhundehalter kann man durchaus anhand von Körpersprache und Handlungen ganz gut erkennen. Die Körpersprache von Menschen, auch die dürfen wir nicht außer Acht lassen, wenn es um Hundebegegnungen geht. Nur die gemeinsamen Signale von Mensch und Hund, ergeben ein Gesamtbild was uns zu eigenen Verhaltensweisen (ein aufeinander Zugehen genauso wie ein Ausweichen) bewegen sollte.

Ich hoffe, es ist nur ein kleiner Ausschnitt von Beobachtungen, die ich negativ aufgefasst habe, denn ich will keine Hundewelt in der wir uns mit Masken (Maulkörben) permanent im Abstand von 2 Metern zueinander entfernt halten. In einer Pandemie hat das zumindest noch einen konkreten, zeitlich begrenzten, Grund.

Conclusio:

Ob ich mit meinem Junghund an einer Welpen-Spiel-Gruppe teilhabe oder nicht.  Den Welpen nur mit meinen schon vorhandenen Hunden Kontakt zu seinesgleichen gebe oder was auch sonst immer – soll jeder tun was er für richtig hält und in eine individuelle Lebenssituation passt.

Aber wenn ich dem Welpen tatsächlich den (umfangreichen?) Kontakt zu anderen Hunden verwehre oder stark einschränke, damit er nicht lernt, wie cool das ist mit anderen Hunden zu spielen, dann halte ich das schon für ganz schön verquer als Trainingsstrategie. Das würde ich so nicht befürworten.

Keine emotionale Kritik von mir, niemanden niedergemacht, einfach in den Raum gestellt und hinterfragt…

 

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